This is Lagos

Kaum eine Stadt wächst so schnell wie Lagos in Nigeria. Hier ist für Millionen Menschen jeder Tag eine Herausforderung — egal ob bei den glitzernden Hochhäusern oder in den Slums.

Rodrick Ayinde steht vor der Tafel und blickt in erwartungsvolle Gesichter. In mehreren Reihen drängen sich rund zwanzig Schüler auf schmalen Bänken, Sie schieben und drücken, sind hibbelig und nervös. Dann greift Ayinde zu einem Stück Kreide, dreht sich um und der Unterricht an der Potential School in Makoko, einem der größten Armenviertel Nigerias, beginnt.

Wir haben hier 322 Schülerinnen und Schüler in sechs Klassen. Es gibt einen Kindergarten, Klasse 1, Klasse 2, Klasse 3 und Klasse 5. Im nächsten Schuljahr wollen wir eine sechste Klasse unterrichten. Die Kinder sind drei bis fünf Jahre alt, die Jugendlichen nicht älter als 12 oder 13 Jahre.

Die Kinder lernen bei Ayinde Schreiben, Lesen und Rechnen. Und machen etwas, was für sie ansonsten kaum möglich ist: Sie toben. Denn Makoko liegt teils im Wasser, teils auf Sumpfgebiet. Auf Stelzen gebaut, stehen die Holzhäuser dicht an dicht in der Lagune von Lagos. Platz ist Luxus. Und so wird der nur wenige Quadratmeter große, mit Sand aufgeschüttete Vorplatz der Schule zum heiß geliebten Spiel- und Bolzplatz.

Man kann das Leben auf dem Land nicht mit dem Leben auf dem Wasser vergleichen. Dort können die Kinder spielen und herumlaufen. Hier, auf dem Wasser, kann man sich nicht frei bewegen. Ohne Boot geht nichts.

Gerade sorgt sich Schulleiter Ayinde darum, wie er seine Schüler morgens zum Unterricht und nach Schulende zurück nach Hause bringen soll.

Ich denke, wir bräuchten beinahe acht Boote, dann würde es reichen und alle Kinder könnten gleichzeitig zum Unterricht kommen. So müssen die Boote mehrfach fahren. Und manche der Kinder wohnen mehr als 40 Minuten von hier entfernt.

Makoko mit seinen rund 250.000 Einwohnern liegt im Herzen von Lagos. Etwas südlich der großen Universität und nur wenige Kilometer vom Finanzzentrum entfernt. Die Third-Mainland-Bridge überragt das Viertel. Die Geräusche der schweren Dieselmotoren von Lastwagen und Bussen sind der Soundtrack des Viertels. Die mehrspurige, zwölf Kilometer lange Autobrücke verbindet das Festland in der Lagune mit den vorgelagerten Inseln. Victoria und Lagos Island, von wo aus Großbritannien ab August 1861 die Kolonialisierung Nigerias vorantrieb. Wenn die Fischer von Makoko mit ihren Booten hinausfahren, sehen sie die Hochhäuser mit ihrem Fortschrittsversprechen am Horizont. Firmensitze und Luxushotels: Das Leben dort ist für sie weiter als bloß ein paar Kilometer entfernt.

… vollständige Reportage hören (Deutschlandfunk Kultur — Reportage)

March 30, 2025 · Nigeria · Deutschlandfunk · Audio


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