Mehrere Hunderttausend Menschen im Libanon gelten als staatenlos. Sie dürfen nicht reisen, nicht legal arbeiten, nicht einmal ein Kraftfahrzeug anmelden. Was hat das mit Identität zu tun?
Der meistunterschätzte Besitz vieler Deutscher misst 88 mal 125 Millimeter und ist bordeauxrot-violett eingeschlagen. Der Reisepass, ein Büchlein im Viertelblatt-Format B7, dokumentiert unsere Herkunft und Identität, bezeugt Zugehörigkeit, gewährt Rechte, lässt Grenzen passieren, schützt vor staatlicher Willkür. Doch was uns selbstverständlich scheint, ist für viele Libanesen unerreichbarer Luxus.
“Manchmal möchte ich über meine Lage nicht mehr nachdenken.” Shadias trotziges Lächeln wirkt unsicher: “Das ist doch alles wie ein böser Traum.” Die gebürtige Libanesin ist Mutter eines kleinen Mädchens, und trotz ihrer kämpferischen Pose sitzt sie verzweifelt am Schreibtisch ihres Büros in der libanesischen Hauptstadt Beirut. Denn die Tochter der Sekretärin ist quasi staatenlos, seit ihrem ausländischen Ehemann die Staatsbürgerschaft entzogen wurde.
Laut Vereinten Nationen ist ein Staatenloser eine Person, die “kein Staat aufgrund seines Rechtes als Staatsangehöriger ansieht”. Schuld an Shadias Situation ist ein juristisches Fossil aus Zeiten des Osmanischen Reichs, das im Libanon auch die französische Herrschaft überdauert hat. Denn während Nationalität üblicherweise qua Blutsverwandtschaft, Geburtsort oder einer Kombination aus beidem erlangt wird, regelt im Libanon ein Beschluss von 1925, dass die libanesische Staatsbürgerschaft nur vom Vater vererbt werden kann. Das Land ist damit eines von nur 27 weltweit und eines von zwölf in der MENA-Region, in denen Mütter ihre Nationalität nicht weitergeben können.